Europa braucht mehr, nicht weniger Wettbewerb

Europa braucht mehr, nicht weniger Wettbewerb

Die Untersagung der Fusion zwischen Siemens und Alstom hat eine politische Diskussion ausgelöst. Brauchen wir „europäische Champions“? Und steht das Kartellrecht einer sinnvollen Industriepolitik möglicherweise im Weg? Die Wettbewerbsökonomen Massimo Motta von der Universitat Pompeu Fabra in Barcelona und Martin Peitz von der Universität Mannheim haben einen offenen Brief verfasst, den wir heute auf D’Kart dokumentieren. Ihr Plädoyer für eine wettbewerbsorientierte Politik wurde von zahlreichen weiteren renommierten Wettbewerbsökonomen unterzeichnet, u.a. von unseren Düsseldorfer Kollegen Justus Haucap, Paul Heidhues und Kai-Uwe Kühn. Der Offene Brief richtet sich an die breite Öffentlichkeit.

This is the German translation of the Open Letter. Please find the English original by switching languages.

Mit Sorge haben wir den politischen Druck beobachtet, der auf die Europäische Kommission im Zusammenhang mit der Fusion von Siemens und Alstom ausgeübt wurde. Noch beunruhigender sind die politischen Reaktionen auf die Untersagung der Fusion. Insbesondere die Ankündigung möglicher Initiativen der deutschen und französischen Regierungen, die europäische Wettbewerbspolitik zu lockern, um Fusionen großer europäischen Unternehmen zu begünstigen, ist gefährlich. Wettbewerbspolitik sollte unabhängig von politischen, auf vermeintlichen europäischen industriepolitischen Zielen basierenden Eingriffen sein. Basis der Wettbewerbspolitik sollten hingegen Effizienzüberlegungen und der Schutz des Wettbewerbsprozesses sein.

Das Argument, es genüge für zwei Firmen, sich zusammenzuschließen und zu vergrößern, um auf den internationalen Märkten wettbewerbsfähiger zu sein, ist trügerisch. Siemens und Alstom gehören bereits zu den führenden Unternehmen auf den internationalen Märkten, und profitieren bereits von erheblichen Größen- und Verbundvorteilen. In der öffentlichen Debatte wurde kein einziges Argument vorgebracht, warum eine Fusion zu erheblichen Effizienzsteigerungen führen sollte (die Presseerklärung der Europäischen Kommission gibt an, dass die Unternehmen solche Effizienzsteigerungen nicht belegen konnten).

In Ermangelung von Effizienzgewinnen, würde die Beseitigung des Wettbewerbs zwischen Siemens und Alstom wohl die Profite erhöhen, aber das fusionierte Unternehmen würde weniger kompetitiv auf internationalen Märkten agieren. Die unmittelbaren Kunden, Bahnbetreiber und Infrastrukturunternehmen, aber schlussendlich die Bahnfahrerinnen und Bahnfahrer, würden darunter leiden: Sie müssten höhere Preise bezahlen, und mit niedrigerer Qualität sowie weniger technischem Fortschritt auskommen. Es überrascht also nicht, dass in erster Linie die Kunden der beiden Unternehmen am stärksten gegen die Fusion protestierten: Wäre Siemens durch die Übernahme von Alstom kompetitiver geworden, hätten sich bestehende und neue Kunden über die Fusion gefreut.

Die wettbewerbsrechtlichen Bestimmungen stehen der Bildung von nationalen oder europäischen „Champions“ nicht im Wege, solange eine Fusion ausreichend Synergien und Komplementaritäten zwischen den fusionierenden Parteien bewirkt. Gerade deshalb untersagt die Europäische Kommission Fusionen nur in jenen seltenen Fällen, wenn die zu erwartenden wettbewerbsschädigenden Auswirkungen für Käufer und Verbraucher nicht durch kostensenkende Effizienzgewinne aufgewogen werden können.

Die immer offensichtlichere empirische Evidenz zeigt aber, dass entgegen derzeitigen politischen Bestrebungen, zunehmende Marktmacht und Marktkonzentration eher eine stärkere Wettbewerbspolitik verlangt, die ausschließlich auf unabhängigen Effizienzkriterien nicht politischen Opportunismus beruht. Europa braucht mehr effiziente, kompetitive, und innovationsfreudige Firmen. Die Unterstützung wettbewerbsbeeinträchtigender Fusionen bewirkt nur das Gegenteil.

In der englischen Fassung unterschrieben von:
Massimo Motta (ICREA-Universitat Pompeu Fabra and Barcelona GSE)
Martin Peitz (University of Mannheim and MaCCI)
Natalia Fabra (Universidad Carlos III de Madrid)
Chiara Fumagalli (Università Bocconi, Milano)
Amelia Fletcher (University of East Anglia)
Christine Zulehner (University of Vienna)
Thibaud Vergé (ENSAE, Paris)
Thomas Rønde (Copenhagen Business School)
Giancarlo Spagnolo (SITE-Stockholm School of Economics, EIEF and Tor Vergata)
Christos Genakos (University of Cambridge)
Frank Verboven (KU Leuven)
Justus Haucap (Düsseldorf Institute for Competition Economics-DICE)
Tomaso Duso (DIW Berlin and Technical University Berlin)
Giacinta Cestone (Cass Business School, City University of London)
Yannis Katsoulacos (Athens University of Economics and Business)
Paul Seabright (Toulouse School of Economics)
Giacomo Calzolari (European University Institute, Florence)
Monika Schnitzer (University of Munich)
Volker Nocke (University of Mannheim and MaCCI)
Markus Reisinger (Frankfurt School of Finance & Management)
Pedro Pita Barros (Universidade Nova de Lisboa)
Juanjo Ganuza (Universitat Pompeu Fabra, Barcelona)
Jacques Crémer (Toulouse School of Economics)
Yossi Spiegel (Tel Aviv University)
Bruce Lyons (Centre for Competition Policy, University of East Anglia)
Gerard Llobet (CEMFI, Madrid)
Konrad Stahl (University of Mannheim and MaCCI)
Klaus Schmidt (University of Munich)
Jose L. Moraga (Vrije Universiteit Amsterdam and Rijksuniversiteit Groningen)
Maarten Pieter Schinkel (University of Amsterdam)
Vincenzo Denicolò (Università di Bologna)
Michele Polo (Università Bocconi, Milano)
Philipp Schmidt-Dengler (University of Vienna)
Rune Stenbacka (Hanken School of Economics and Helsinki GSE)
Philippe Choné (Centre de Recherche en Economie et Statistique, Paris)
Nicolas Schutz (University of Mannheim and MaCCI)
Emanuele Tarantino (University of Mannheim and MaCCI)
Otto Toivanen (Aalto University and Helsinki Graduate School of Economics)
Kai-Uwe Kühn (University of East Anglia)
Luis Cabral (Stern School of Business, New York University)
Eric van Damme (Tilburg University)
Jan Bouckaert (University of Antwerp)
Marc Ivaldi (Toulouse School of Economics)
Bruno Jullien (Toulouse School of Economics)
Sten Nyberg (Stockholm University)
Emilio Calvano (Università di Bologna)
Paul Heidhues (Düsseldorf Institute for Competition Economics-DICE)

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