ORDO-Jubiläumsband: Eine intellektuelle Zeitreise oder 75 und kein bisschen leise…

ORDO-Jubiläumsband: Eine intellektuelle Zeitreise oder 75 und kein bisschen leise…

Was hält die Wettbewerbsordnung zusammen, wenn Märkte und Politik aus dem Gleichgewicht geraten? Seit nun 75 Jahren liefert das Jahrbuch für die Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft die notwendige geistige Statik für diese Frage. Ein erster Blick in die jetzt erschienene Jubiläumsschrift, den ORDO-Band 75, macht deutlich, dass es sich hierbei nicht um eine beliebige Anthologie ordnungsökonomischer Klassiker handelt, sondern um einen bewusst kuratierten Gang durch die intellektuelle Geschichte des ORDO-Jahrbuchs – und damit durch die Entwicklung des deutschsprachigen und internationalen Liberalismus nach 1945. Rahel Schomaker (FH Kärnten) rezensiert den neuen Band der wettbewerbsrechtlichen Bastion für D’Kart und fragt: Wie viel Zukunft steckt im Erbe der Ordnungsdenkenden?

ORDO – Jahrbuch für die Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft, Band 75 (2026), De Gruyter, abrufbar unter https://www.degruyterbrill.com/de/journal/key/ordo/75/1/html.

Die Gründerväter, die Gründungsmutter und die große Unruhe

Der neue ORDO-Band schlägt eine durchaus mutige Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart ordnungspolitischen Denkens. Die Auswahl der Beiträge verfolgt die Entwicklung ordnungspolitischen Denkens über mehrere Jahrzehnte hinweg. Themen wie Wettbewerb, Währungsordnung, Institutionenbildung, Transformation, Sozialpolitik oder Demokratie werden nicht isoliert betrachtet, sondern als miteinander verbundene Herausforderungen moderner Gesellschaften. Durch den Wiederabdruck ausgewählter Schlüsseltexte aus mehr als 75 Jahren ORDO-Geschichte werden zentrale Beiträge der Ordnungsökonomik und des Liberalismus nicht nur vor dem Vergessen bewahrt, sondern zugleich im digitalen Zeitalter einer neuen Generation von Leserinnen und Lesern leichter zugänglich gemacht. Die historische Rückschau bleibt dabei jedoch kein Selbstzweck. Vielmehr werden die Originalbeiträge durch Kommentare renommierter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie ausgewählter Nachwuchsforschender in einen lebendigen Dialog mit der Gegenwart eingebunden. Die Kommentare beleuchten die Texte aus heutiger Perspektive, ordnen sie wissenschaftshistorisch ein und arbeiten ihre Bedeutung für aktuelle wirtschafts-, rechts- und gesellschaftspolitische Debatten heraus. Auf diese Weise entsteht keine trockene Sammlung klassischer Aufsätze, sondern ein produktiver Austausch zwischen den Herausforderungen der Vergangenheit und den Fragen der Gegenwart, der die anhaltende Relevanz ordnungspolitischen Denkens (wieder einmal) sichtbar macht.

An der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg bildet sich die „Freiburger Schule“ aus Gemeinschaftsseminaren von Franz Böhm, Hans Großmann-Doerth mit Walter Eucken hervor, Bild: AlterVista, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Die Entscheidung, den Band mit den programmatischen Texten von Meyer, Lenel und Eucken-Erdsiek zu eröffnen, erscheint ausgesprochen gelungen. Gerade Edith Eucken-Erdsieks „Chaos und Stagnation“ erinnert nämlich daran, dass die ordoliberale Tradition nicht aus abstrakten Modellen, sondern aus der Erfahrung gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Erschütterungen entstand. Überzeugend ist auch, dass die Herausgeber nicht ausschließlich auf die bekannten Namen der ordnungspolitischen Tradition setzen; neben Eucken, Hayek, Böhm, Müller-Armack oder Blankart finden sich auch heute weniger bekannte Autoren wie Heddy Neumeister, Ernst Heuss, Jan Tumlir oder Ulrich Fehl. Dadurch entsteht kein Denkmal, sondern ein Diskussionsraum, der die inhaltliche Breite des ORDO-Projekts sichtbar macht.

Alte Texte, neue Fragen, Reibung ausdrücklich erwünscht!

So ließen sich Inhalt und Form des aktuellen ORDO-Bandes für eine TikTok-Sequenz zusammenfassen. Hervorzuheben ist dabei der Mut der Schriftleitung, kontroverse und teilweise sperrige Texte in die Auswahl aufzunehmen. Gerade dadurch wird deutlich, dass Wissenschaftsgeschichte nicht aus unumstrittenen Wahrheiten besteht, sondern aus Debatten, Widersprüchen und intellektuellen Herausforderungen gestaltet wird.


Letzte Chance: 9. Offenes Düsseldorfer Doktorandenseminar im Kartellrecht
Am 21. & 22.9.2026 im Haus der Universität, Düsseldorf, unter anderem mit Thorsten Käseberg & Tobias Hennig, Martin Lercher und Deepa Gautam-Nigge. Offen für alle, die sich in ihren Doktorarbeiten mit Kartellrecht oder Wettbewerbsökonomie befassen.

Infos und Anmeldung hier!


Edith Eucken-Erdsiek argumentiert für ein naturrechtliches Ordnungsverständnis

Die vielleicht größte Stärke des Bandes liegt in der anhaltenden Aktualität seiner Themen. Das von Edith Eucken-Erdsiek im Jahr 1948 beschriebene „Chaos von heute“ scheint angesichts der Herausforderungen des Jahres 2026 näher denn je; viele der behandelten Fragen haben seit ihrem erstmaligen Erscheinen nichts von ihrer Brisanz verloren, sondern sind unter veränderten Bedingungen sogar drängender geworden. Die Auseinandersetzung mit wirtschaftlicher Macht und Wettbewerb begegnet uns heute bei digitalen Plattformen, globalen Technologiekonzernen und Fragen der Künstlichen Intelligenz. Die Diskussionen über stabile Währungsordnungen und staatliche Rahmenbedingungen gewinnen angesichts geopolitischer Unsicherheiten, hoher Staatsverschuldung und neuer digitaler Zahlungsmittel neue Relevanz; die Beiträge zu Demokratie, öffentlicher Meinung und gesellschaftlicher Ordnung erscheinen bemerkenswert aktuell, wenn man an Polarisierung, Desinformation und Vertrauensverluste in politische Institutionen denkt – und bange auf die aktuellen Wahlen schaut. Und auch die klassischen Fragen nach Freiheit, Gerechtigkeit und der Rolle des Staates kehren in Debatten über Nachhaltigkeit und Klimaschutz, Sozialstaatlichkeit und gesellschaftlichen Zusammenhalt aktuell wieder: Sei es die Frage nach der Zukunft des von Franz Böhm 1966 diskutierten Willkürspielraums in autoritärer werdenden Staaten in der Europäischen Union oder die Rolle des von Karl Popper 1956 gezeichneten „liberalen Rasiermessers“, welches die Befugnisse des Staates beschneidet, oder die von Heddy Neumeister diskutierte Frage nach Eigen- und Staatsverantwortung in modernen Sozialstaaten. Gerade diese bemerkenswerte Anschlussfähigkeit zeigt, dass die hier versammelten Texte nicht nur historische Dokumente sind, sondern weiterhin analytische Orientierung für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft bieten.

Wie der aktuelle ORDO-Band zeigt, kann (und sollte) Ordnungsökonomik genau das sein: Kein Museum der Ideen, sondern ein lebendiger Austausch. Der 75. Band erscheint damit weniger als Jubiläumsschrift denn als ein lebendiges Gespräch und auch Auftrag. Ein Auftrag, einmal gedachte Ideen in die aktuelle Zeit zu übersetzen, zu modernisieren zuweilen, sie vielleicht in Format und Stil anzupassen, damit sie für Studierende interessant und für Politiker und Politikerinnen relevant bleiben. Das ist ein Auftrag für uns alle, als „Lichtpunkte“ im Sinne von Edith Eucken-Erdsiek zu agieren, gleich ob auf Instagram oder in wissenschaftlichen Aufsätzen. Nur tun müssen wir es, wie Oliver Budzinski, neben Jan Schnellenbach, geschäftsführender Herausgeber von ORDO, zu Recht betont. Es geht nicht ohne uns, genauso wenig wie es in den vergangenen 75 Jahren ohne die Orientierungen ging, die die ORDO-Liberalen setzten.

Prof. Dr. Rahel M. Schomaker ist Inhaberin der Professur für Verwaltungswissenschaft und Volkswirtschaftslehre an der FH Kärnten (Villach) und apl. Professorin an der Deutschen Universität für Verwaltungswissenschaften Speyer. Sie ist, zusammen mit Dirk Wentzel und Thomas Apolte, Vorsitzende des Radein-Seminars.

(Alle erwähnten Beiträge finden sich im besprochenen Band.)

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